Die philosophischen Grundlagen des Familienstellens

Grundlage und Ausgangsbasis für das Familienstellen, wie wir es heute kennen, sind Bert Hellingers Arbeiten über das Gewissen. Er stellt fest, dass es nicht nur ein Gewissen gibt, sondern gleich drei, ein persönliches, ein kollektives und ein geistiges.

Das persönliche Gewissen

Das persönliche Gewissen ist nach Bert Hellinger nicht etwa eine innere Instanz, die von irgendwelchen himmlischen Mächten inspiriert wird, sondern eher eine Art Sinnesorgan, welches  die Aussteuerung an der Umwelt ermöglicht. Es ist dafür zuständig, die Zugehörigkeit zu einer oder mehrerer Gruppen zu gewährleisten. Nun sorgt aber Gruppenzugehörigkeit stets dafür, dass in "wir da drinnnen" und" ihr da draußen" unterschieden wird, in Dazugehörende und nicht Dazugehörende. Dieses Zugehörigkeitsgefühl gibt dem Einzelnen nun zwar Sicherheit, aber schränkt ihn gleichzeitig außerordentlich ein, da er, ohne dass es ihm bewusst wäre, zutiefst den Normen und Vorstellungen seiner Familie oder Gruppe verpflichtet ist.  Man kann das gut am Beispiel eines Paares veranschaulichen, bei dem jeder seinen eigenen familiären Hintergrund hat. Da jede Gruppe dazu tendiert, die nicht Dazugehörenden auszuschließen, müssen Kompromisse gefunden werden, wie diese beiden unterschiedlichen Wertesysteme in Einklang gebracht werden können. Es muss also jeder der beiden erst einmal frei werden für den Anderen. Geschieht das nicht, so wird er seinen Partner nie so sehen könne wie er ist, sondern wie er nach den Vorstellungen seiner Herkunftsfamilie sein sollte.

Das kollektive Gewissen

Das kollektive Gewissen verbindet uns mit unseren Vorfahren. In den Stammeskulturen ist es in der Form von Ahnenverehrung allgegenwärtig. Dort käme niemand auf die Idee, die Vorfahren zu vergessen - in unserer modernen Gesellschaft jedoch schon. Das führt dazu, dass dieser Komplex ins Unbewusste verschoben wird. In etlichen Aufstellungen können wir beispielsweise die verheerenden Folgen davon sehen, wenn Angehörige ausgeschlossen werden. Nämlich als sogenannte Verstrickungen. Und hier hat Bert Hellinger sein erstes Gesetz formuliert: Nämlich, dass jedes Mitglied einer Gruppe hat das gleiche Recht auf Zugehörigkeit hat und ein Ausschluss schlimme Folgen für die Nachkommen hat.

Das geistige Gewissen

Das geistige Gewissen schließlich führt in eine ganz andere Dimension. Hier geht es um ein sich führen Lassen. Und zwar um ein sich führen Lassen von einer Kraft, die auf Ausgleich, liebende Zuwendung, Verstehen und Versöhnung hin ausgerichtet ist. Das ist die wirkliche innere Stimme, aber eine, die nicht mehr Sprachrohr familiärer oder gesellschafticher Normen ist, sondern eine, die über uns selbst, unsere Wünsche und unsere Verstrickungen hinauswachsen lässt - in eine andere Weite . . .

Wie durch Familienstellen die Wirkung des Gewissens sichtbar wird

Beim Familienstellen werden die Wirkungen des Gewissens sichtbar. Im Bereich des persönlichen Gewissens ist das noch recht deutlich. Es geht hier ja um das Erwachsenwerden, um Autonomie und die Ängste und unguten Gefühle, die oft damit verbunden sind. Denn Wachstum heißt nun einmal etwas hinter sich zu lassen und bei der weit verbreiteten und sehr menschlichen Tendenz des Festhaltens geht das nicht immer ohne Schmerzen vonstatten.

Schwieriger wird es beim kollektiven Gewissen, denn hier wirken Gesetzmäßigkeiten, die sich unserem bewussten Verstehen entziehen. Das ist beispielsweise das bereits erwähnte Recht jedes Einzelnen auf Zugehörigkeit und die schlimmen Folgen eines Verstoßes dagegen. Oder der Vorrang der Früheren vor den später dazu Gekommenen und den verheerenden Folgen, wenn sich beispielsweise die Nachfolgenden in die Angelegenheiten der Generation davor einmischen.

Bert Hellinger hat entdeckt, dass die Gesetze des kollektiven Gewissens denen des persönlichen Gewissens übergeordnet sind. Das heißt aber auch, dass es immer wieder vorkommt, dass jemand mit gutem Gewissen in eine Tragödie hinein gerät, aber keine Ahnung davon hat, was eigentlich vor sich geht. Die antiken griechischen Tragödien handeln genau von solchen Geschehnissen.

Es ist das große Verdienst Bert Hellingers, dass mit Hilfe des  Familienstellens solche Zusammenhänge sichtbar gemacht werden können. Das Erstaunliche ist nun, dass vom bloßen Sehen und Erleben dieser „Tragödien“ eine heilende Wirkung für den Betroffenen ausgeht. Ähnlich wie bei einem Simile in der klassischen Homöopathie.

Wie sich das Familienstellen entwickelt hat

Das ursprüngliche Familienstellen

Das ursprüngliche Familienstellen war noch recht statisch. Die einzelnen Stellvertreter wurden vom Aufstellungsleiter an ihre jeweiligen Orte im Raum gestellt und dann wurden die Gefühle und Empfindungen betrachtet, wie sie bei den Stellvertretern auftraten und sich bei einer anderen Position im Raum veränderten. Das Überraschende  und Unerklärliche dabei ist der Umstand, dass die Stellvertreter genau die Empfindungen und Gefühle der Menschen erleben, die sie darstellen.

Die Bewegungen der Seele

Als nächstes wurde sozusagen die Bewegung frei gegeben, d. h. den Stellvertretern wurde erlaubt sich ihrem Empfinden gemäß zu bewegen. Das war ein großer Durchbruch. Auf einmal wurde sichtbar, dass in einer Aufstellungsgruppe ein Feld entsteht und zwar in Form eines morphologischen Feldes, wie es Rupert Sheldrake formuliert hat. Und innerhalb dieses Feldes  wirken  Kräfte, die als Bewegungen sichtbar gemacht werden können. Bert Hellinger nennt das die Bewegung der Seele, wobei er auch Familien oder auch Organisationen eine Seele zuschreibt.

Das neue Familienstellen

Der letzte Schritt ist das neue oder das geistige Familienstellen. Bert Hellinger hat im Verlauf seiner Arbeit entdeckt, dass sich nicht nur Bewegungen der Seele im Feld auffinden lassen, sondern auch Bewegungen, die von weit her kommen, aus einer Quelle, zu der wir keinen direkten Zugang haben. Er nennt es die Kraft, die alles bewegt - eine Kraft, die er in konkreten Aufstellungen entdeckt hat und immer noch entdeckt. So wird z. B. in den Aufstellungen immer wieder deutlich, dass diese Kraft den Ausgleich sucht.  Die Erfahrungen und Einsichten, die mit Hilfe dieses neuen Familienstellens gemacht werden können, sind immer wieder erstaunlich und außerordentlich bewegend.